Traditionelles Handwerk setzt auf CNC-Technik

03.04.2011

Gerade mal 25 Jahre jung war er, der gelernte Wagner und Schreiner-Werkmeister Simon Oehrli, als er im Jahre 2006 im aargauischen Gontenschwil die Wagnerei Lüscher gekauft hat. Er glaubte an die Zukunft dieses traditionsreichen Handwerks und hat es nicht bereut. "Ich wusste schon immer, dass ich mal mein eigener Chef sein will". Entschlossenheit und Dynamik strahlt der Jungunternehmer aus.

Wie kommt ein junger Mann dazu, auf so altmodisches Handwerk zu setzen, das am Aussterben ist? “Eine der wichtigsten Erfindungen der Menschheit war das Rad. Daraus entstand der Wagnerberuf. Die Wagnerei hat eine lange Tradition, ist aber keineswegs altmodisch, denn auch dieser Beruf hat sich gewandelt.“ Auch er zeichne seine Produktionspläne auf dem Computer und produziere mit sehr modernen Maschinen. Dennoch bleibe bei jedem Auftrag Handarbeit.

   
Bearbeitungszentrum VISION II H Sprint mit
kardanischem 5-Achs-Arbeitskopf
   
Aufgespanntes Rohmaterial mit
einseitig gefräster Kontur einer Spindel
 

Flexibel und leistungsstark dank Reichenbacher
Die Wagnerei Lüscher hat sich der Moderne angepasst. Die meisten Arbeitsschritte erfolgen nach alter Überlieferung, aber mit heutiger Technik. Viele Arbeitsgänge werden mit spezifisch angefertigten Maschinen und Werkzeugen rationell und maß-genau produziert. So gehört, nebst den in der Holzbranche üblichen Standardmaschinen, eine ausgeklügelte Drehbank mit mehreren Aufbauten zum Maschinenpark. Doch nach wie vor macht die Handarbeit einen großen Teil aus. Es muss nicht betont werden, dass dies nebst umfassenden Material- und Werkzeugkenntnissen viel Geschick und Erfahrung braucht.

Und weil die Entwicklung des Unternehmens allererste Priorität bei Simon Oehrli hat, wurde im vergangenen Jahr noch in ein CNC-Bearbeitungszentrum investiert. Er entschied sich, nach intensivem Dialog mit Thomas Czwielong, technischer Geschäftsführer Reichenbacher Hamuel und Gebietsverkaufsleiter Schweiz, für eine universell und vielseitig einsetzbare VISION II Sprint des oberfränkischen Maschinenherstellers. „Die Firma Reichenbacher hat meine Anliegen ernst genommen und konkrete Lösungen aufgezeigt. Die kundenspezifisch gefrästen Teile und die massive Ausführung der Maschine haben schließlich den Ausschlag für die VISION gegeben.“

 
Aufgespanntes Rohmaterial mit
einseitig gefrästem Spindelgewinde

 
Spannvorrichtung Gegenschale mit
Fräsung der zweiten Spindelseite

 

VISION: Das Multitalent
Was die Maschine leistet, zeigt sich an den Werkstücken. Eine jüngst gefräste Spindel dient bei einem originalgroßen Nachbau einer Traubenpresse als Zug- und Druckgewinde. Die ersten mechanischen Keltern erzeugten mit Hilfe solch einer Spindel aus Holz den zum Pressen nötigen Druck. Aus Gründen der Haltbarkeit wurde dies im Laufe der Zeit durch Metall ersetzt. Die Vorlage für die neue Spindel lieferte eine alte Traubenpresse, welche bei einem Weinbauern als Ausstellungsstück steht. Der Besitzer will damit sein Landwirtschaftsmuseum vervollständigen.

Außerdem ebnete die VISION bei Oehrli den Weg für die rationelle Herstellung beliebiger Formenvielfalt, wie sie zum Beispiel aus dem modernen Innenausbau nicht mehr wegzudenken ist. So bietet die Wagnerei seit kurzem 5-Achs-CNC-Arbeiten für Holz und Holzwerkstoffe als Lohnarbeiten an. Hierfür können alle gängigen Dateiformate eingelesen und mit Mastercam weiterverarbeitet werden. Mastercam verschafft dem Fertigungsbetrieb die bestmögliche Grundlage für schnelles und effizientes Fräsen. Von allgemeinen Verfahren bis zu hochspezialisierten Werkzeugwegen – die Wagnerei Lüscher ist für jede Aufgabe bestens gerüstet.

Der Wagnereibetrieb
Der innovative Kleinbetrieb restauriert nebst Wagnererzeugnissen Oldtimer. Diese sehr anspruchsvolle Arbeit an bis zu 100-jährigen Fahrzeugen wird jeweils mit dem beteiligten Spengler abgesprochen und koordiniert. So entsteht ein qualitativ hochstehendes Produkt. Ein weiteres Firmenstandbein sind Holzspeichenräder zu Fahrzeugen, die zwischen 1890 und 1930 hergestellt wurden.

In Gontenschwil werden auch Ersatzteile zu alten Mühlen und Sägereien gefertigt. Hier reicht die Produktpalette von Wasserrädern über Zahnräder bis zu hölzernen Wellen. Man arbeitet mit erfahrenen Mühlenbauern und Restaurationsateliers zusammen. Fast alle in der Wagnerei Lüscher hergestellten Produkte sind aus Massivholz. Sie verlassen das Werk mit den notwendigen Beschlägen aus Stahl. Die Wagnerei Lüscher ist also auch eine Schmiede.

 

Fertige Spindel der antiken Traubenpresse
mit 4,1m Höhe und 250kg Gewicht

 
Kopie des Gerüsts vom St. Galler Globus, das
Original wurde um 1570 hergestellt


 
 
 
Gewindegegenstelle der Traubenpresse

   
Die hölzernen Zahnräder bilden den
Drehmechanismus des Globus
 

Professionelle Hilfe zur Beilegung eines Kulturgüterstreits
1997 entflammte zwischen den beiden Kantonen Zürich und St. Gallen der seit langem schwelende Streit um einen historisch einmaligen Erd- und Himmelsglobus aus dem 16. Jahrhundert – ein technisches Wunderwerk seiner Zeit. Der um 1570 hergestellte St. Galler Globus kam 1712 nach den Toggenburger Kriegen als Beute von St. Gallen nach Zürich. Im Januar 2007 stimmten sie einem Kompromiss zu: Zürich behält das Original, fertigt aber für St. Gallen eine originalgetreue Kopie – was schneller versprochen als gemacht ist.

Der Himmelsglobus und seine Kopie – St. Galler Globus
Das Skelett der Globus-Kopie steht seit Ende 2009 in St. Gallen im Staatsarchiv. Das Gerippe ist das Werk der Wagnerei Lüscher. Oehrli findet denn auch: „Die Erbauer des St. Galler Globus hatten es besser, sie mussten einfach ihren Job gut machen.“ Er hingegen musste auch noch herausfinden, wie die vor über 400 Jahren ihren Job machten. Die Schwierigkeiten waren die Bearbeitungstechniken der damaligen Zeit, da der Nachbau mit denselben Mitteln und Techniken gemacht werden musste, um dem Original möglichst nahe zu kommen (zum Beispiel Kleben mit Knochen- und Hautleim).

Bei der Präsentation des wertvollen, über zwei Meter hohen Erd- und Himmelsglobus aus der Renaissance wurde es „besser als das Original“ eingestuft. Im Unterschied zum Original funktioniert die komplizierte Mechanik wieder, der Globus kann durch eine Kurbel mit Übersetzung gedreht werden. Das weltweit einmalige Wunderwerk wurde in 7.000-stündiger Arbeit in zweieinhalb Jahren von zirka 50 Spezialisten, unter anderem der Wagnerei Lüscher (alle Holzteile), rekonstruiert – mit den originalgetreuen Techniken und Farben. Zürich ließ sich die Rekonstruktion rund 670.000 Euro kosten.

Zusatzinfo
Zur Messe LIGNA 2011 in Hannover können auf dem Stand der Firma Reichenbacher Hamuel GmbH unter anderem der Spindelprototyp für die Traubenpresse sowie ein CNC Bearbeitungszentrum, ähnlich dem der Firma Wagnerei Lüscher, besichtigt werden.

Reichenbacher Hamuel GmbH
LIGNA Hannover, 30.05. – 03.06.2011
Halle 12 – Stand D06